Interviews von Robert Pally

Interview mit Reto Burrell

Das schwierige zweite Album.

In der Mitte angelangt

Veränderung ist die einzige Konstante im Leben von Eric Linder alias Polar. Sein drittes Werk «Somatic» klingt wieder anders als das letzte. Trotzdem tönt Polar immer nach Polar.

Robert Pally: Dein neues Album klingt anders als dein Debüt. Die Songs sind rockiger geworden und weniger Country. Wieso?

Reto Burrell: Das stimmt nicht ganz. Die Songs als Kompositionen sind viel mehr Country, viel mehr Folk. Vor der Vorproduktion habe ich die Songs akustisch aufgenommen. Ich wollte sie so als Songs stehen lassen und sie zusammen mit dem Produzenten dann verrocken. Bei «Echo Park» war es gerade umgekehrt. Wir gingen von Rocksongs aus und haben sie dann folkig / countryesk arrangiert. Von dem her stimmt deine Aussage nicht.

RP: Okay, dann muss ich meine Frage umformulieren. Wieso hast du die Country-Songs verrockt?

RB: Das Ganze passierte mehr aus Spass. Ich habe schon immer Rocksongs geschrieben. Viel anders sind sie nicht, bloss besser (lacht). Die Kompositionen sind gewachsen, auch die Texte sind reifer.

RP: Auch die Produktion ist besser!

RB: Auf jeden Fall. Ich war in Amerika, um das Album zusammen mit Adam Steinberg (Todd Thibaud, Dixie Chicks) zu produzieren. Das war hart, aber ich wollte ein Up-Tempo-Album machen. So etwas konnte ich nicht selber, dafür brauchte ich einen amerikanischen Produzenten. Es ist uns gelungen. Ich denke nicht mal, dass «Echo Park» eine Country-Platte ist. Ich habe sie immer als Rock eingestuft, zwar mit etwas Roots. «Shaking of the monkeys» ist jetzt halt mehr Pop, obwohl sich auch Roots-Nummern drauf befinden. Zum Beispiel «It doesn’t mean a thing» oder «Habits». «Shaking of the monkeys» ist für mich im gleichen Bereich wie die Sheryl Crow oder die Wallflowers anzusiedeln. Die sind auch im Pop-Rock-Bereich anzusiedeln, obwohl, wenn man sie genau anschaut, haben sie auch viel Country- und Folk-Einflüsse. Das wollten wir auch. Die Songs sollten mehr rocken und ich wollte mehr elektrische Gitarren einsetzten. Das kam auch durch unsere vielen Konzerte. Die Mid-Tempo-Songs sind in Ordnung, aber ich habe mehr Freude, wenn die Songs etwas abgehen. Vor allem, weil die Leute dann mehr tanzen und mehr mitmachen.

RP: Hast du die neuen Songs schon vorher Live gestestet, um herauszufinden, wie sie auf das Publikum wirken?

RB: Nein, eigentlich nicht. Bloss «Baby blue», die erste Single, habe ich drei oder viermal auf der letzten Tour gespielt. Ich habe die neuen Songs auch mit meiner Band nie angeschaut – bis anfangs dieses Jahres. Ich wollte, dass wir richtig euphorisch sind und das Zeug nicht schon tot gespielt haben.

RP: Was ich so mitbekommen habe, war die CD ein bisschen eine Zangengeburt. Anfangs dieses Jahres gingst du nach New York und später noch einmal.

RB: Wir hatten Zeitprobleme. Adam ist nicht gerade der Schnellste, das war schlussendlich aber zu meinem Vorteil. Er lässt sich Zeit und ist nie gleich zufrieden. Deswegen kamen wir in Zeitnot. Wir haben das Album abgemischt und mussten noch ein paar Sachen aufnehmen. Der Mastering-Termin bestand bereits. Dann musste ich zurück, weil der Videoclip gedreht werden sollte. Auf jeden Fall hat dann alles irgendwie geklappt, wir gingen zum Mastering und hatten dort Probleme mit dem Dat. Den Aufnahmen waren kleine Störsignale überlagert. Nach ein paar Stunden brachen wir das Ganze ab. Wir schauten, ob wir die Aufnahmen noch auf einem anderen Band hatten - ohne die Störsignale. Das Mastering war an einem Freitag morgen, am Abend hätte ich wieder zurück gemusst, weil am Wochenende die Aufnahmen für das Video begannen. So flog ich zurück ohne, dass wir die CD gemastert hatten. Zuhause hörte ich mir die Aufnahmen noch einmal an. Ich fand die Produktion, die Songs und unsere Performance super, aber die Abmischung nicht. Die musste verbessert werden, und zwar bei fast allen Songs. Wir haben dann acht von elf Songs neu abgemischt. Deswegen ging ich noch mal nach New York. Wir haben die Aufnahmen auch gleich gemastert.

RP: Wie viel Zeit hast du eigentlich in Amerika verbracht?

RB: Für die ganze Platte habe ich zwei Monate dort verbracht. Gewisse Sachen haben wir in Rhinebeck, New York, gemacht. Für andere gingen wir nach Boston. Die Streicher («Simple Things») und das Piano haben wir in New York eingespielt. 

RP: Das Album scheint für dich sehr wichtig zu sein.

RB: Ja, es ist extrem wichtig. «Echo Park» fand ich erst ein Jahr nach der Veröffentlichung gut. «Shaking of the Monkeys» fand ich schon toll, als wir es aufnahmen. Ich bin sehr stolz auf die Lieder, mein Gesang ist besser geworden. Wir haben uns durch die vielen Tourneen verbessert. Ich höre die neuen Sachen jetzt, das habe ich noch nie vorher getan. Für mich war es auch wichtig vorwärts zu kommen. Ich wollte dazu lernen. Ich wollte auf keinen Fall mehr selber produzieren wie bei «Echo park». Wir haben auch versucht, uns an High-Budget-Produktionen zu orientieren, obwohl wir bloss ein niedriges Budget hatten. Ich glaube, dass ist uns nicht schlecht gelungen.

RP: Wie hast du das alles finanziert?

RB: Du musst auf die Suche nach Leuten gehen, die in dich investieren. Vier Songs von «Echo park» konnte ich in einer amerikanischen Fernsehserie namens «The Education of Max Bickford» (mit Richard Dreyfuss) platzieren. Sie werden dort regelmässig gespielt. Das hat mir einiges an Geld eingebracht, das ich für die Aufnahmen verwenden konnte. So etwas kann ich nicht ewig machen. Deswegen ist mir «Shaking of the Monkeys» auch so wichtig. So eine Platte kann ich im nächsten Jahr nicht noch mal machen. Ich will weiterkommen. Ich muss auch  meine Platten in Amerika absetzten. Das will ich auch. Ich wäre jetzt wieder bereit, einen Vertrag mit einem Major-Label einzugehen (Anmerkung: Reto war mit seiner alten Band Släm eine Zeitlang bei EMI unter Vertrag). Ich würde das jetzt anders angehen. Ich hoffe, in Amerika einen Major oder vielleicht eine kleinen Deal zu finden. Ich will meine Platte verkaufen und spielen. Ich bin auch sehr gespannt, auf die Reaktionen des Publikums.

RP:  Was machst du, wenn das Album nicht einschlägt?

RB: Keine Ahnung. 

RP: Hier wird es sicher schwieriger, weil die Platte mehr US-orientiert ist, und nicht wie die CD eines Schweizer klingt.

RB: Ja, da hast du Recht. Wieso verkaufen Dada (Ante Portas) oder Vivian mehr als ich? Weil man hört, dass sie aus der Schweiz kommen. Sie haben einen Bezug zur Schweiz. Klar, verkaufen sie so im Ausland nichts. Meine Musik wird nicht in den gleichen Topf geworfen. Ich muss mich mit der amerikanischen Konkurrenz messen. Mir gefallen auch Bands, die man hier nicht so kennt.

RP: In dem Fall hast du dich auch mehr an amerikanischen Bands orientiert. Ich höre etwas Wallflowers, aber auch Sachen vom letzten Bryan Adams Album.

RB: Ja, sicher. Sheryl Crow war auch eine Vorgabe, vor allem ihr neues Album. Ich finde es besser, weil es frechere Gitarren drauf hat, weil die Songs besser sind, weil sie nicht so lange sind und, weil sie nicht immer stirbt in den Songs.

RP: Welches ist dein Lieblingssong auf «Shaking of the Monkeys»?

RB: Einen, den ich immer wieder gerne höre, ist der vierte, «Simple things». Das ist der älteste Song. Ich habe vor drei Jahren begonnen, ihn zu schreiben. Er wurde erst Ende letztes Jahr fertig, weil ich nie genau wusste, wie ich ihn einsetzen kann. Wir haben uns jetzt auch getraut, Streicher und Piano zu verwenden. Wir haben auch frecher gesungen. Das war für mich ein riesiger Schritt nach vorne.

RP: Habt ihr gesampelte Streicher verwendet?

RB: Ja, es sind gesampelte. Wir wollten zuerst mit richtigen arbeiten, konnten dann aber nicht. Schliesslich bekamen wir ein gutes Angebot von Andrew Sherman, der bei Mariah Carey Keyboard spielt. Er hat das toll hingekriegt. Die Streicher klingen sehr echt.

RP:  Wieso hast du «Baby Blue» als Single ausgekoppelt. Für mich ist er einer der schwächeren Songs auf «Shaking of the Monkeys».

RB: Der beste Song muss nicht immer die Single sein. Du musst in Mainstream-Kategorien denken. Ich habe mir überlegt, welcher Song für die Schweizer Radios passen würde. Ich muss hier einen Songs haben, den man beim zweiten Chorus mitsingen kann, der einfach ist und eine starke Aussage hat. Bis jetzt hat sich grösstenteils bestätigt, dass «Baby blue» die richtige Wahl war. Er kommt bei den Leuten gut an. «Doesn’t mean a thing» ist auch ein genialer Song. Für die College-Radios in Amerika wäre er sicher sehr geeignet, aber nicht hier in der Schweiz. Dieser Song hat einfach zu viele Rock-Elemente für unsere Radios. Den würde hier niemand spielen. Mit dem musst du rechnen. «Simple things» wäre für den amerikanischen Markt sicher der Favorit. Ich habe Adam gesagt, dass wir aufpassen müssen, dass die Songs nicht zu rockig werden. Momentan sind aber auch in der Schweiz wieder rockige Songs im Aufwind. Vielleicht geht deswegen die Rockbarriere wieder etwas runter?

RP: In «Baby blue» kommt der Chorus eigentlich sehr schnell. Du hast bloss zwei Strophen und eine Überleitung  vorangestellt. Für mich hätte es eine dritte Strophe vertragen. Hast du dich bewusst an ein Popsong-Schema gehalten?

RB: Ich schreibe all meine Songs so. Ich stehe sehr auf dieses Pop-Prinzip. Ich mache das aber nicht, weil es so sein muss, sondern weil ein Song besser klingt, wenn man schnell zum Chorus (dont’t bore us get to the chorus) kommt. Ein Song muss vorwärts gehen. Wenn bei mir ein Song vier Minuten geht, ist das eine Ausnahme. Die meisten dauern knapp drei Minuten. Das ist einfach meine Art zu arrangieren,  ohne es bewusst zu tun.

RP: Wie ist der Kontakt zu Adam Steinberg entstanden?

RB: Durch Todd Thibaud, mit dem ich schon zusammen gespielt hatte. Als es darum ging einen Produzenten zu finden, hatte ich eine Traum- und eine reelle Liste gemacht. Auf der reellen gab es eigentlich nur einen Namen, den von Adam Steinberg. Ich habe ihn kontaktiert und meine CD geschickt. Er fand sie toll und wollte mit mir arbeiten. Zuerst habe ich dann die neuen Songs akustisch live eingespielt und sie ihm geschickt. Ein Song muss so funktionieren. Ich wollte die Songs nicht im Studio mit Effekten aufmotzten. Er fand auch diese Sachen toll. Im letzen November bin ich dann in die Staaten geflogen, um die Sache mit Adam anzuschauen. Wir haben gewisse Sachen geändert. Dann bin ich wieder zurück. Im Dezember ging ich ja noch auf Tour. Im Januar haben wir die Songs dann mit der Band angeschaut. Ende Januar war die Pre-Production fertig. Und so ging es weiter.

RP:  Wie bist auf den Titel «Shaking of  Monkeys» gekommen? Hat er mit Abschütteln der Vergangenheit zu tun?

RB: «Echo Park» aufzunehmen, war für mich eine Belastungsprobe. Die Geschichte mit Pete Andersen (Anmerkung: Reto hatte einen Vertrag mit dem Amerikaner, der dann wieder aufgelöst wurde) Deswegen musste ich die CD nochmal aufnehmen. Die neuen Songs zu schreiben, war für mich wie eine Art Befreiung – ein Brechen mit der Vergangenheit. Das Cover-Foto entstand  übrigens in Luzern in der Bar 57. Die Arbeit mit dem Affen war sehr mühsam, weil er nie stillhalten wollte. Wir konnten nur ein einziges Foto verwenden. Auf dem Cover-Foto setzt er gerade dazu an, mich zu attackieren.

RP: Ein paar deiner Lieder wurden vom  Fox Television für die  Fernsehserie «The Education Of Max Bickford» (mit Richard Dreyfuss) verwendet. Welche waren das und wie bist du dazu gekommen?

RB: Das waren «Its up to you», «Without you», Working overtime» und «Die». Jonathan Weiss, der Musiksupervisor dieser Show ist auch noch Manager der Band Reckless Kelly. Jonathan hatte zusammen mit ihnen im Studio von Pete Andersen einen Song für eine Compilation aufgenommen. Irgendwie gelangte er dort an meine CD «Foolpark Session». Jonathan gefielen die Songs so gut, dass er mich fragte, ob er nicht ein paar für die Fernsehserie verwenden dürfte. Ich sagte zu, war mir aber nicht sicher, ob das auch wirklich klappen würde. Ein halbes Jahr später wurden tatsächlich die ersten Songs gespielt. Das Geld, das ich dafür bekam, konnte ich gut für die Aufnahmen der CD gebrauchen. 

RPA

    

Robert Pally: Es sind vier Jahre her seit deinem letzten Album «Bi-Polar». Eine lange Zeit im Musikbusiness. Was ist in dieser Zeit alles passiert?

Eric Linder: Mein letztes, zweites Album hatte zwei Leben. Nach der regulären Veröffentlichung in der Schweiz habe ich auch noch einen Deal mit Eastwest für Deutschland und Europa abgeschlossen. T-Online, eine deutsche Kommunikationsfirma hat einen meiner Songs für ihre Kampagne verwendet.

RP: Wie hiess der Song?

EL: «Bipolar Dream». Es war ein riesiges Ding. Der Song kam in die deutschen Charts. Alles geschah sehr schnell. Anschliessend bin ich auf Europa-Tour gegangen. Das Ganze war ein riesiges Glück für mich. Ich habe viel Promotion erhalten. Ich bin mit einigen Major-Labels in Kontakt getreten, um einen neuen Deal abzuschliessen. T-Online wollte sofort meine Unterschrift auf den Vertrag. Es war nicht für Coca Cola, sondern für T-Online, connecting People, Internet. Hinter dem konnte ich stehen! Ihr Image passte mir. Das hat mir geholfen - natürlich auch für die Verkäufe.

RP: Wie viele Kopien hast du schlussendlich von «Bi-Polar» verkauft?

EL: Insgesamt waren es ungefähr 100000 Stück. Das war ein riesiger Sprung. Mein erstes Album hat weltweit circa 25000 Kopien verkauft.

RP: Und wie ging es dann weiter?

EL: Danach musste ich erst mal Abstand gewinnen, auf Distanz gehen. Ich habe mir überlegt, was ich als nächstes machen will. Ich fing an, mit elektronischer Musik zu experimentieren. Ich habe mir Zuhause ein Studio eingerichtet. Für das neue Album wollte ich etwas Ähnliches machen wie auf «Bipolar» aber mit anderen, neuen elektronischen Sounds. Ich wollte die Technologie verstehen und lernen, die Ideen in meinem Kopf umzusetzen. Das war harte Arbeit. Ich musste lernen, mit dem Computer umzugehen. Ich habe mit diversen elektronischen Projekten viele Konzerte gegeben. Eine hiess Polartronik. Ich habe in der Schweiz, Belgien und Frankreich an elektronischen Festivals gespielt. Ich habe auch viel mit dem Franzosen Miossec gearbeitet, Songs für ihn geschrieben. Ich habe mit Steve Wynn gearbeitet. Wir haben hier in der Schweiz an zwei Songs gearbeitet. Ich habe mit Jeanne Moreau gearbeitet, der französischen  Schauspielerin, und mit der Band Sophia (Amerikaner, der in England wohnt), die einen grossen Erfolg in Belgien und Holland hat. Vor circa einem Jahr habe ich die Aufnahmen für «Somatic» beendet. Anschliessend wollte ich ein paar Monate Zeit, um Distanz zum Album zu gewinnen. Normalerweise habe ich ein Album aufgenommen, gemischt und es dann gleich veröffentlicht. So hinterfragst du nicht so viel. Diesmal wollte ich schauen, wie das Album nach ein paar Monaten auf mich wirkt.

RP: Hast du danach noch etwas an «Somatic» verändert?

EL: Nicht viel, bloss Songs teilweise anders abgemischt! Und kleine Sachen entfernt. Als ich das Album hörte, klang es anders als meine ersten beiden Werke und neu für mich. Es war immer noch Polar aber mit einigen Neuerungen.

RP: Ich finde «Somatic» homogener. Auf der letzten Platte stand der Folk von deinem Debüt und die neuen elektronischen Elemente noch irgendwie nebeneinander. Du hattest dich noch nicht richtig von den Folk-Einflüssen gelöst, warst aber auch nicht richtig in der elektronischen Musik angelangt. Auf «Somatic» sind diese beiden Elemente jetzt zu einer Einheit verschmolzen! 

EL: Genau das zu erreichen, war für mich wichtig. Dazu musste ich die elektronische Musik verstehen, und die Kontrolle darüber erhalten. Das hat mich viel Arbeit gekostet. 

RP: Hat sich dadurch auch die Art verändert, wie du Songs schreibst? Nicht nur mit der Gitarre, sondern auch mal mit einem Keyboard oder an einem Computer?

EL: Ja, sicher. Ich habe den Computer wie ein Instrument eingesetzt. Ich habe mein Studio immer bei mir. Einen Laptop, eine Gitarre und ein kleines Keyboard. In letzter Zeit habe ich aber wieder angefangen, mit der Gitarre zu arbeiten. Es ist ein sich stetig verändernder Prozess.

RP: Mir ist auch aufgefallen, dass du auf «Somatic» manchmal sehr eigenwillige rhythmische Sachen machst. Woher kommt das?

EL: Ich habe mit Bernhard Trontin, dem neuen Schlagzeuger der Young Gods gearbeitet. Diesmal habe ich ihm mehr Platz für eigene Ideen gegeben. Teilweise hat er unglaubliche Sachen gemacht. Er ist einer der Leute, denen ich vertraue.

RP: Dann ist ja viel passiert in diesen vier Jahren!

EL: Ja, sehr. Aber das war sehr gut für meine Unabhängigkeit. Ich produziere meine Alben selber und gebe am Ende der Plattenfirma ein fertiges Produkt ab, das sie nicht mehr verändern können.

RP: Du veränderst dich von Album zu Album. Suchst du die Herausforderung, immer etwas neues zu machen?

EL: Das hat mit meiner Persönlichkeit zu tun. Ich entwickle mich vorwärts. Deswegen wäre es unmöglich, dass meine Musik das nicht macht.

RP: Dein persönliches Leben entspricht auch deiner Musik?

EL: Ja. Ich denke ja. Es wäre auch ein Fehler zurückzugehen. Es wäre schlecht für mich, wenn die Leute meine Songs hören und nicht sagen könnten, von welchem Album sie stammen. Alle meine Alben haben eine andere Atmosphäre.

RP: An welchen anderen Projekten hast du noch gearbeitet?

EL: Während den vier Jahren habe ich auch Songs für ein Album mit Miossec auf Französisch aufgenommen. Es ist noch nicht erschienen. Es wird nur in Frankreich erscheinen. Einige grosse Plattenfirmen haben schon Interesse bekundet. Miossec ist ein grossartiger Schriftsteller. Wir haben in Welschland und Frankreich gearbeitet. Er schreibt für Birkin, Gilbert Greco und andere. Das Album wird mehr akustisch sein. Mein Traum wäre etwas mit einem Streich-Orchester zu machen. Ich habe schon einige Songs

RP: Wieso hast du dein neues Album «Somatic» genannt?

EL: Wir haben «Somatic» in einem Schloss in Frankreich aufgenommen. Wir sind mit bereits fertig geschriebenen Songs dorthin gegangen. Nach vier Tagen waren nicht glücklich über das Resultat. Dann haben wir eine Zeitlang freigenommen. Danach haben jeden Morgen etwas neu gemacht. Jeden Tag einen anderen Song. Neue Lieder schreiben, Musik, Text, Arrangement. Das ging sehr schnell. Wir haben immer sehr schnell entschieden. Die Texte zu schreiben, war am Schwierigsten. Irgendwann habe ich einfach den Kopf ausgeschaltet und geschrieben. Ich war mir aber nicht bewusst, was ich schrieb. Waren es Geschichten über mich oder jemand anders? Es waren aber meine Geschichten. Ich habe dann einfach meinem Gefühl vertraut und automatisch geschrieben. Schlussendlich war das wie ein Ausdruck meines Soma (Körper). In dieser Zeit sind viele Sachen in meinem privaten Leben passiert. Ich habe zuerst nicht realisiert, wie das mein Schreiben beeinflusste. Erst Monate nach den Aufnahmen habe ich verstanden, was ich da aufgeschrieben hatte.

RP: Während den Aufnahmen zu «Somatic» passierte wie bei «Bipolar» etwas Schreckliches. Damals starb deine Grossvater, jetzt ist dein Grossmutter gestorben.

EL: Als ich hörte, dass meine Grossmutter gestorben ist, konnte ich es zuerst nicht glauben. Ich stand meiner Grossmutter sehr nahe. Es hat die Aufnahmen verändert. Ich habe ein Lied für meine Grossmutter («Granny») geschrieben. Auf «Bipolar» hatte ich ein Lied für meinen Grossvater verfasst. In meinen CD-Regalen stehen diese beiden CDs nebeneinander. Zuerst «Bipolar» und dann «Somatic». So sind meine Grossmutter und mein Grossvater über den Tod hinaus zusammen.

RP: Schon dein letztes Album hast du in einem fremden Haus aufgenommen. Brauchst du eine komplet andere Umgebung, um kreativ zu sein?

EL: Ja, jetzt muss ich mich isolieren, um Musik zu machen. In meiner vertrauten Umgebung in Genf kann ich mich nicht richtig konzentrieren. Das Schloss Domain de Montjoux am Genfersee war total leer. Keine Möbel, keine Bilder, nicht, 60 Räume komplett leer. So konnte ich mir selber etwas bauen, meinen eigenen Mikrokosmos.

RP: Merkst du textlich einen Unterschied vom ersten Album zu jetzt?

EL: Ja, sicher. Ich habe mehr Selbstvertrauen erlangt. Bei meinem ersten Werk hatte ich eine schwierige Zeit, privat und beruflich. Ich wusste nicht, was ich aus meinem Leben machen sollte. Ich habe davon geträumt, so etwas zu machen wie jetzt. Was ich jetzt mache, liebe ich total.. Dadurch bin ich ausgeglichener geworden. Ich arbeite hart dafür. Ich hatte sehr viel Glück. Ich habe viel gelernt.

RP: Du arbeitest für die Expo 02 an einem Projekt. Was ist das genau?

EL: Ich arbeite mit der Behinderten-Gruppe «die Regierung». Es ist menschlich eine sehr starke Erfahrung! Die Verantwortlichen der Expo haben mich gefragt, was für ein Projekt ich für die Expo machen möchte. Als Kind hatte ich viel Kontakt mit Behinderten. Für mich war es immer eine Art Mysterium, wer diese Leute sind. Was ist Normalität? Wo ist die Grenze? Ich hatte einmal einen Auftritt der Regierung gesehen. Das hat mich stark berührt. Später sind sie an eines meiner Konzerte gekommen. Ich habe den Sänger erkannt und ihn auf die Bühne geholt. Er hat ohne richtige Worte gesungen, einfach Laute von sich gegeben. Das war eindrücklich! Das war der Auslöser, dass ich für die Expo etwas in diese Richtung machen wollte. Nicht Pop, nicht Erfolg, nicht Strategie, nicht wie viele Platten verkaufst du. Seit diesem Januar wohne ich immer wieder mit diesen Leuten zusammen in einem Haus im Toggenburg. Wir arbeiten an einem Musiktheater. Wir werden es Ende Oktober in Murten aufführen. Es ist das erste Mal, dass ich mit Bühnen- und Lichtdesigner zusammenarbeite. Ich habe immer davon geträumt, mit meiner Musik etwas zu machen, dass frei von jeglicher Strategie und Verkaufsdenken ist. Ohne eine Plattenfirma im Rücken. Der Mensch im Mittelpunkt. Ich habe viel von der Regierung gelernt. Viel passiert im Proberaum, am Esstisch oder beim wandern. Ich hoffe, mit diesem Projekt im nächsten Jahr in Europa auf Tour zu gehen.

RP: Ist «I wish it would stop now» so eine Art Liebeslied?

EL: Ja. Ich war neun Jahre mit einer Frau zusammen. Nach «Somatic» brach die Beziehung auseinander. Ich hatte Schuldgefühle deswegen. Mein Art zu Leben hat sich seit dem Beginn extrem verändert. Jetzt bin ich viel auf Tour, arbeite einmal dort und einmal da. Mein Terminkalender ist immer voll. Am Anfang war das  nicht so. Der Song ist auch eine Art mich zu entschuldigen. Ich bin hin- und hergerissen im Bezug zu ihr. Manchmal will ich weitermachen, dann wieder nicht. Es ist ein totales Chaos. Viele Songs handeln vom Chaos in mir, gefühlsmässig.

RP: Wie entstand «Invisible»?

EL: Hier geht nicht so sehr um Gefühle, mehr darum Distanz zu gewinnen. Manchmal wünscht du dir, dass dich niemand sieht, dass du dich vor allem verstecken kannst. Du möchtest an einem Ort sein, an dem niemand Zugriff auf dich hat. Ich habe das automatisch geschrieben.

Von Robert Pally

02.09.2002